Dritte Predigt.
Text: 4. Buch Mose 33,7.
Wir haben Israel neulich in Etham gesehen, gesehen, wie es in der Aufrichtigkeit und Vollkommenheit gelagert ist. Vollkommenheit? möchte man seufzend fragen, Vollkommenheit? Ach! wie viel fehlt an der Vollkommenheit! Wie viel Unarten regen sich noch, wie viel Mühe und Streit ist zu übernehmen, welche Bedrängnisse können einen Christen treffen. O! Vollkommenheit, Vollkommenheit, vergebens erwarten wir dich in diesem Mesechslande und hungern deswegen hinaus ins Vaterland, das droben ist. – Allerdings eine wahre Klage und Sage. Aber wir leben im Glauben, und der Glaube ist eine gewisse Zuversicht deß, so man hoffet, und nicht zweifelt an dem, so man nicht siehet. Und so ist der Christ durch den Glauben dennoch vollkommen in der Unvollkommenheit, wie er stark ist in der Schwachheit und gerecht, obschon noch zu allem Bösen geneigt. Der Glaube rechnet nach andern Grundsätzen wie die Vernunft.
Israel kam auch von Etham in ein ungeheures Gedränge und unaussprechliche Noth. Die Wolkensäule erhub sich. So erhuben sie sich auch und folgten ihr. Denn der Herr ist es, der in die Hölle führt und heraus. Der Herr war es, der seine eilf Jünger an den Oelberg und die drei in Gethsemane führte. Am liebsten ist man freilich in Raemses, wo man vor Freude jubelt, läßt’s sich auch noch wohl in Etham gefallen, wo man seine Vollkommenheit in Christo verstehen lernt, oder in allerlei verkehrten Regungen seine Aufrichtigkeit in Widerspruch gegen dieselbe spürt. Man denkt’s auch nicht, durch was für Ströme und Feuerflammen man hindurch müsse, obschon man die Verheissung hat: so du durch’s Wasser gehest, sollen dich die Ströme nicht ersäufen, und so du durch’s Feuer gehest, soll dich die Flamme nicht anzünden; was für Oefen des Elendes es giebt, worin man geläutert wird, und was für scharfe Ostwinde, die betrüben, die den Altar und seine Steine zerstoßen, und dessen Nutzen ist, daß die Sünden Jacobs weggenommen werden (Jes. 27.). Hätte Israel Alles vorher gewußt, was ihm begegnen sollte, es würde nicht so fröhlich aus Egypten gezogen seyn: und so wird’s sich auch bei manchen Christen ausweisen, denn durch viel Trübsal soll man zum Himmelreich eingehen.
Von Etham zogen sie also nach Pi-Hahiroth gegen Baal-Zephon. Dies ging auf’s rothe Meer zu, recht, als sollten sie unausweichlich dem Untergange zugeführt werden, da sie auch auf einem geradern Wege, indem sie das Meer rechts liegen ließen, nach dem Berge Sinai hätten gelangen können. Moses, der diese Wüste ohne Zweifel genau kennen gelernt hatte während der 40 Jahre, da er in Midian die Schafe hütete, scheint auch gesonnen gewesen zu seyn, den ihm bekannten Weg einzuschlagen. Die Vernunft konnte auch nicht anders rathen, denn wie dort Petrus sagte: nur nicht nach Jerusalem, so hieß es hier: nur nicht zum rothen Meere hin, denn dann sind wir verloren, da wir keine Schiffe haben hinüber zu kommen. Aber es geht im Christenthum nicht nach vernünftigen Reden menschlicher Weisheit. In diesem Falle hätte der Klugheit Mosis die Ehre gebührt. Aber der Herr behält alle Ehre für sich, und am Ende wird’s sich ausweisen, daß wir weder durch eigene Weisheit, noch durch eigene Kraft das Allergeringste ausgerichtet haben. Moses mußte auf seine eigene Einsicht Verzicht thun, weil ihm der Herr einen andern Weg befahl. Der Herr gab ihm auch den Grund seines Befehls an, denn, sprach er, Pharao wird sagen: sie sind verirrt. – Und was konnte er, als ein vernünftiger Mann, anders von dem seltsamen Zuge der Kinder Israel denken? Es war ja ordentlich der Zug eines Wahnsinnigen. Und wie oft und lange ist und wird das Evangelium für einen Irrthum, wohl auch für eine schädliche Lehre gehalten? Ja, geschieht’s nicht manchmal, daß die fleischliche Vernunft in dem Christen auch fragt: wo bin ich wohl? denkt, unmöglich ist das der Weg nach Canaan, sondern zum Untergang, aber nur des alten Menschen, und nicht blos in seinem allgemein anerkannten Sündlichen, sondern auch in aller seiner Weisheit, Gerechtigkeit und Kraft, abgesehen ist. Gott setzte noch hinzu: ich will das Herz Pharao’s verstocken, daß er ihnen nachjage und will an ihm und an aller seiner Macht Ehre einlegen und die Egyptier sollen inne werden, daß ich der Herr sey. Von dem Nachjagen sagte der Herr blos dem Mose, denn die Andern würden’s nicht haben ertragen können, weil ihr Gaube noch so schwach war. So sagte auch Christus zu seinen Jüngern: ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt’s noch nicht tragen, - und Paulus zu den Korinthern: Milch habe ich euch zu trinken gegeben, und nicht Speise; denn ihr konntet noch nicht, auch könnet ihr noch jetzt nicht. Die christlichen Wahrheiten haben auch ein gewisses Alter und Zeit. Je stärker der Glaube, desto schwieriger die Proben. Moses begriff nur, daß der Herr Ehre einlegen wolle, - wie er’s thun würde, wußte er nicht, wenigstens begriff er gar nicht, warum denn ein Zug nach dem rothen Meere hin dazu nöthig sey. Er fragte aber auch nicht, sondern glaubte und wartete dem Namen gemäß, den sich der Herr beigelegt hatte: Aejeh, ich werde seyn.
Wir wissen auch oft nicht, wozu dies oder das dienen soll, wie Petrus nicht wußte, was das Fußwaschen bedeuten sollte. Und wie Vielen wird mit ihm gesagt: was ich jetzt thue, weißt du nicht, du wirst es aber hernach erfahren. O! wie köstlich wäre es, wenn man mit Mose glaubte und gehorchte, sich selbst verläugnete, dem Herrn vertrauete und sich ihm ergäbe, als demjenigen, der doch noch seyn wird, wenn unsere Weisheit und Kraft nicht mehr ist. Wie schön ist’s, daß das Volk aus Etham, das aufrichtige Volk getrost nach Pi-Hahiroth zieht, weil der Herr und Moses es so führt, ohne zu fragen und zu klagen. Aber ach! werden die Unarten, die jetzt unterdrückt sind, nie wieder hervorbersten? Wir wollen sehen. O! ihr lieben Kinder Israel, wer sollte nicht Mitleiden mit euch haben, daß ihr da so in der Wüste umherirren mußtet, da ihr Canaan schon um ein Bedeutendes näher würdet gerückt seyn, hättet ihr die gebahnte Straße einschlagen dürfen? Welch ein Exempel der Geduld seyd ihr lieben Leute uns!
Die Lage von Pi-Hahiroth war mißlich. Es lag im Thal; vor ihnen das rothe Meer, an beiden Seiten hohe, unübersteigliche Berge. Nun denke man an einen Ueberfall in dieser Lage! Sollten einem nicht vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen? Pi, die erste Silbe des Namens dieser Lagerstätte, heißt Mund, Maul. Aber stecken sie hier nicht gleichsam dem Löwen im Rachen? Ist’s möglich, daß Gott so mit einigen seiner Kinder umgehen kann? Und wenn er’s thut, ist das Beides ihm herrlich und ihnen selig? Werden sie denn wohl so geführt, daß ihnen wirklich keine andere Hülfe übrig bleibt, als der Herr allein? daß alles Sonstige schwindet? – Laßt das eure Erfahrung beantworten.
Pi also heißet Mund. Es giebt bei Manchen eine Zeit, wo das Meiste ihres Christenthums eben im Munde und im Reden besteht, obschon allerdings auch die Wurzel im Herzen wohnt. Sie können auf eine schrift- und erfahrungsmäßige einnehmende Weise vom Christenthum und den Führungen des Herrn reden. Es ist eine Lust, sie zu hören von der Vollkommenheit des Heils in Christo Jesu, und von dem schrecklichen Verderben der menschlichen Natur. Es ist lieblich anzuhören, wie sie im Gebete mit dem Herrn umzugehen und ihm alles zu erzählen und ihr Herz auf eine kindliche Weise vor ihm auszuschütten wissen. Es ist was wohlthuendes, zu vernehmen, wie kindlich, gläubig und zuversichtlich sie sind, und wie schön sie auch Andern zu rathen und sie aufzumuntern wissen. Dem Anhören nach, werden sie sich auch so leicht nicht irre machen lassen, sondern ihre Kunst auch da beweisen, wo es gilt. Diesem Reden wird auch im Ganzen ein großer Wert beigelegt, und derjenige auch mehrentheils für den besten Christen gehalten, der am besten sprechen kann. Aber das Sprechen ist doch noch das Leichteste vom Christenthum, wiewohl David einmal sagt: ich bin so ohnmächtig, daß ich nicht reden kann. Geht’s zur wirklichen Uebung, so findet sich vieles anders, als man sich’s vorgestellt und davon geredet hatte. In der großen Noth verging Mose selbst das Sprechen, und sein Schreien zum Herrn war nur ein gewaltiges Seufzen, das sich aus seiner gepreßten Brust loswand, vor Gott aber als ein starkes Rufen galt.
Jedoch ist das Reden auch etwas köstliches. Wie köstlich ist’s, wenn sich der Mund im freimüthigen Bekenntniß der Wahrheit öffnen kann, oder sich in laute Lobpreisungen des Herrn ergießt. So etwas wird hier in dem Worte Pi-Hahiroth angedeutet, denn es kann durch Mund der Freiheit übersetzt werden. Bis jetzt waren die Kinder Israel als Sklaven gehalten worden und besonders hatten sie zuletzt unter einem harten Joch seufzen müssen, da Werke von ihnen gefordert wurden, welche alle ihre Kräfte überstiegen. Wie hart aber auch ihr Sklavenstand war, so unmöglich war’s ihnen, sich selbst daraus zu retten, oder auch nur eine Milderung zu erwirken. – Ihr wißt, daß es nicht nur in einem unserer Lieder heißt: Ich Gefangner armer, ich, wer reißt mir das Netz in Stücken? Fels des Heils, erbarme dich, reiß mich aus der Höllen Stricken; - sondern daß auch in der Schrift von Gefangenen und Gebundenen die Rede ist, denen derjenige, über welchem der Geist des Herrn ist, Erledigung und Oeffnung predigt. Ihr wißt, daß Paulus Röm. 7. von einem verkauft seyn unter die Sünde, einem gefangen genommen werden in derselben, redet, welches ihm die betrübte Klage auspreßte: wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes. Wir wollen jetzt nicht von der jämmerlichen Gefangenschaft der natürlichen Menschen reden, welche um so kläglicher ist, weil sie sie nicht empfinden, und um so sträflicher, weil sie sie lieben und damit einverstanden sind. Ja, die sind recht in Pi-Hahiroth gelagert, und ihr Mund redet von Freiheit, da sie doch Knechte der Sünde sind. Diese loben die natürlichen Kräfte des freien Willens und sind weit entfernt, zuzugeben, daß der natürliche Mensch zu einigem wahren Guten untüchtig sey, und die Nothwendigkeit der Wiedergeburt anzuerkennen, bevor der Mensch wahrhaft Gutes thun kann. Sie sind in Pi-Hahiroth: denn sie erlauben sich gar Vieles, ohne sich darum zu bekümmern, ob das Wort Gottes es ihnen zugesteht, gerade, als verstünde es sich von selbst. Bei wie Vielen stößt man an, wenn man Tanz, Schauspiel u. dgl. nicht als erlaubte Vergnügungen will gelten lassen, und sie lassen’s sich nicht wehren. Wie viele Meinungen hegen die Menschen nicht in Betreff der Seele und Seligkeit, die bei ihnen für unwidersprechliche Wahrheiten gelten, ohne sich je zu bequemen, sie am Worte Gottes zu prüfen, und nehmen sich die Freiheit, ganz anders zu denken, wie es vorschreibt, so wie ganz anders zu handeln, wie es gebeut. Dabei verlachen sie diejenigen, welche es genau nehmen, und nichts für wahr halten, als was aus der Schrift nachgewiesen werden kann, und so leben wollen, wie es derselben gemäß ist, bezeichnen sie mit spöttischen Namen oder drücken sie sogar. Dabei nehmen sie sich die Freiheit, über solche recht scharf zu urtheilen. Jetzt soll es auch nirgends fehlen und dabei ist’s ihnen schwer, zu treffen. Sind die Frommen ernsthaft, so sind’s finstere Leute; sind sie munter, so scheint ihnen das ihrer Frömmigkeit nicht angemessen; sind sie andächtig, so ist’s überspannt oder Frömmelei. Kurz, sie haben einen recht freien Mund und einen recht breiten Weg, den sie sich weder durch Lehren noch durch die Gebote der Schrift umzäunen lassen, sondern gegen diese anleben und gegen jene anglauben. In dieses Pi-Hahiroth hat die Wolken- und Feuersäule sie nicht geleitet, sondern ihr fleischlicher Sinn, der dem Gesetz Gottes nicht unterthan ist, ihr Fleisch, das wider den Geist gelüstet. Prüft euch, ob das nicht eure Lagerstätte sey, und laßt das Pochen. Wie glücklich würdet ihr seyn, wenn euch der Herr, wie es Ezech. 2037. heißt, unter die Ruthe brächte, und also in die Bande des Bundes zwänge, daß ihr euch demüthigtet unter seine gewaltige Hand, damit er euch erhöhete zu seiner Zeit, dann würdet ihr schon still werden, lieber hören als reden, lieber lernen als richten.
Denn dann fühlt sich der Mensch als gefangen und gebunden, und dieses Gefühl des Gebundenseyns ist schon ein Anfang des Freiwerdens, wie schon eine einzelne Schwalbe die Verkündigerin des Sommers. Er will jetzt gern evangelisch glauben und christlich leben, und Beides in seinem gehörigen Umfang. Dieser Sinn ist gleichsam das Israel in Egypten, das gewaltig gedrückt wird. – Was wird für leichter gehalten, als zu glauben, und was wird schwerer befunden, als eben das? Man meint manchmal, nur warnen zu müssen, man möge bei’m Glauben ja beherzigen, daß er durch die Liebe thätig seyn müsse, aber hier heißt es: so du glauben könntest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen. O! von welcher Macht des Unglaubens fühlt sich die arme Seele zusammen gepreßt und muß seufzen: Heile des Glaubens dürre Hand. Paulus sagt auch, das Gesetz errege allerlei Lust. Denn ohne das Gesetz sey die Sünde todt. Kurz, da geht’s wie ein Dichter sagt:
Wenn man wider Willen noch
In sich selbst gefangen bleibet,
Und bald die, bald jene Lust,
In uns herrschet, und uns treibet:
O! das ist ein harter Dienst,
Voller Unruh’, Müh’ und Schmerz:
O! wie klagt und jammert man,
O! wie ächzet da das Herz.
Und wie unglaublich kommt’s dieser Seele vor, was hinzu gesetzt wird:
Sey getrost, bedrückte Seel’!
So sollst du nicht immer leben;
Gott wird dir, zu seiner Zeit,
Wahre Seelenruhe geben.
Er, der Herr, kommt selbst in dich,
Dann verlachst du deine Feind’!
Treiber, Welt und Sündenlust,
Dann in dir gebunden seynd.
Harre nur, bedrückte Seel’!
Die du in dir selbst gefangen,
Deren Geist zur Freiheit nicht,
Wie er wollte, kann gelangen;
Höre: dein Erlöser lebt!
Nach viel tausend ach und o,
Wirst du endlich seyn erlös’t,
Wirst du endlich werden froh.
Dann wird sich dein muntrer Geist,
Frei in seinen Ursprung kehren,
Und mit Jauchzen deinen Gott,
In ihm selbst, in Zion ehren.
Süße Wonne krönt dein Haupt,
Freud’ und Leben ohne End’,
Schmerz und Seufzen weichen weg,
Von dem stillen Element.
War der Lagerplatz der Kinder Israel in Pi-Hahiroth sehr erbärmlich, wie dies Wort denn auch Höhlen bedeutet, so geht’s der armen Seele auch sehr übel, die dem Adler des 103. Psalms gleicht, der sich gerne hoch erhübe, aber sitzen bleiben muß, weil ihm seine Federn ausgefallen sind. Wenn David sagt: das wäre meine Freude, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben könnte; so giebt er zu erkennen, daß er jetzt so glücklich nicht sey. Meine Seele liegt im Staube, ruft er auch einmal aus, und ich bin wie eine Haut im Rauche. Aber deine Zeugnisse vergesse ich nicht. O! daß du mich tröstetest: so liefe ich den Weg deiner Gebote. Dann findet man sich, wie Israel, als in einem mit unübersteiglichen Bergen umgebenen Thal eingeschlossen.
Warum aber führt die Wolkensäule denn wohl an solche Oerter? Sein Volk zu demüthigen. Da lernen sie recht, wie so gar nichts alle Menschen sind; sie zum Verzagen an sich selbst und aller Kreaturen Hülfe zu bringen, und allein an den Herrn zu verweisen, daß man mit Josaphat sagt: wirst du es nicht thun? In uns ist keine Kraft! – Ihnen die Gnadenwirkungen desto köstlicher zu machen, wenn uns allerlei seiner göttlichen Kraft dargereicht wird; sie desto inniger an Jesu zu knüpfen, weil man gewahr wird, daß Niemand sich etwas nehmen kann, es werde ihm denn vom Himmel gegeben, - und daß Alles aus ihm fließen, auch zu ihm zurückkehren muß; ihnen die Schrift auszulegen, daß wir wirklich ohne ihn nichts thun, wirklich kein Haar schwarz oder weiß machen können, wirklich nicht zu ihm kommen können, es sey denn, daß uns ziehe der Vater, der ihn gesandt hat; sie von dem Selbsterheben zu heilen, daß sie sich, auch bei dem reichsten Gnadenfluß, über Niemand, auch über den Aermsten und Schwächsten nicht, erheben, weil Gott den wohl stark machen und ihnen die geliehenen Gnaden wieder entziehen kann; um Davids Seelengestalt zu bewirken, welcher sich mit Zittern freuete, und wenn er sich fürchtete, auf den Herrn hoffte; um sie mit ihrem Elende und ihrer Unwürdigkeit gründlicher Hülfe vorzubereiten, wie Israel eben deßwegen nach Pi-Hahiroth mußte. Ich danke dir, sagt David, daß du mich treulich gedemüthiget hast. Deine Gerichte sind recht!
Die Lagerstätte im Munde der Freiheit ist der entgegengesetzte heitere Stand, wovon David sagt: Du führest mich in weiten Raum, und Jesaia: Du hast das Joch ihrer Last und die Ruthe ihrer Schulter und den Stecken des Treibers zerbrochen, wie am Tage Midians. Es entsteht ein freimüthiger Durchbruch: 1) von innen und 2) nach außen. Von innen entsteht derselbe, wenn der innere Druck und die Unfreimüthigkeit gegen Gott durch die kräftige Wirkung des Heiligen Geistes weggenommen und es an dessen statt verliehen wird, „um das Kleid der ewigen Gerechtigkeit freimüthig anzuziehen, daß ich fröhlich darf erscheinen, und in deinen offnen Wunden hab’ ich freien Zutritt funden.“ Dies giebt eine kindliche Freimüthigkeit, ein Hinzunahen zu Gott, als dem versöhnten Vater in Christo, und ein weites, zutrauliches Herz gegen ihn. Die innere Weite giebt denn auch Muth, mit dem Apostel zu sagen: der mich geliebet und sich selbst für mich dahingegeben hat, - ja mit ihm zu rühmen: wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen, Gott ist hie, der gerecht spricht, wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher sitzet zur Rechten Gottes und vertritt uns. Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat; der dir alle deine Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Dann heißt unsere Lagerstätte Pi-Hahiroth, Mund der Freimüthigkeit. Möchte man alsdann auch wie die Kinder Israel, in einer verzweifelten Lage stecken, - man fragt doch: wer will uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu unserm Herrn? Daraus erwächst denn auch ein freimüthiges Bekenntniß der Wahrheit nicht nur überhaupt, sondern auch solcher Wahrheiten insbesondere, gegen welche der natürliche Mensch das Meiste einzubringen hat, weil sie seiner Eigenheit am meisten zu nahe treten. Die Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, das Rücksichtnehmen auf menschliches Urtheil, Lob oder Tadel, fällt weg. Es setzt der Gedanke nicht mehr in Verlegenheit, was werden die Menschen dazu sagen? sondern man tritt frei und entschieden ans Licht, und schämt sich seines Heilandes nicht, geht aus dem Lager und trägt seine Schmach. – Dazu gesellet sich die Freimüthigkeit im Handeln, auszugehen von der Welt, und sich von ihr abzusondern; dagegen aber sich dem verachteten Häuflein anzuschließen. Mögen sie ihren Kram von Lustbarkeiten noch so schön zu entschuldigen wissen, sie verschmähen sie, um sich selbst zu verläugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und dem Herrn Jesu nachzufolgen.
Von dieser Freimüthigkeit im Bekennen und Benehmen, haben wir in der heiligen Schrift und außer derselben sehr herrliche Exempel. Was war das für ein Muth, womit jene drei Männer, im Angesichte des Feuerofens und vor dem erzürnten, großmächtigen König Nebucadnezar bekannten: Gott könne sie wohl erretten aus dem glühenden Ofen, dazu auch von seiner Hand, - und wenn er das auch nicht wolle, so solle er dennoch wissen, daß sie seine Götter nicht ehren, noch das goldene Bild, das er habe setzen lassen, anbeten wollten. – Welch ein Muth, daß Daniel bei offenen Fenstern betete, obschon derjenige den Löwen vorgeworfen werden sollte, der in drei Tagen von jemand anders als vom Könige etwas erbitten würde. Welche Freimüthigkeit besaß der eine Mörder am Kreuz, daß er, so weit seine Umstände es ihm gestatteten, Jesus für den König Israels bekannte, während seine Jünger flohen, und ihn in seinem tiefsten Elende für den einigen und vollkommenen Seligmacher erkannte. Welch eine Freimüthigkeit, wenn ein Joseph von Arimathia und Nicodemus, Jesum, dem sie bisher, aus Furcht vor den Juden, nur heimlich angehangen hatten, in seinem schmerzvollen Tode, da Alles mit ihm aus zu seyn schien, öffentlich und mit Daranwagung ihres Lebens, ihrer Güter und Würden, den von ihren Amtsgenossen hingerichteten Jesus, für den Messias bekennen, dadurch, daß sie ihn mit allem Pomp begraben, der ihnen bei der Eile möglich war. Welche Freimüthigkeit beweiset Stephanus und nach ihm die große Schaar der Blutzeugen, auch aus unserer ehrwürdigen Kirche, denen brennende Scheiterhaufen und alle Marter den Mund nicht stopfen oder sie bewegen konnten, auch nur um ein Haar von der Wahrheit abzuweichen. – Welche bewundernswürdige Freimüthigkeit in Abweisung des Irrthums offenbaret sich in den Schriften des heil. Paulus. Wie kann man schärfer gegen alle eigene Gerechtigkeit angehen, als er thut, wenn er erklärt, die, so des Gesetzes Werken umgehen, sind unter dem Fluch, - wie schärfer sich gegen alles eigene Können erklären, als er thut, wenn er sagt: es liege nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen, wir seyen nicht tüchtig, etwas zu denken aus uns selbst, als aus uns selbst, sondern daß wir tüchtig seyen, sey von Gott, - wie nachdrücklicher gegen alle eigene Würdigkeit, als er thut, wenn er sagt: wer meint, er sey etwas so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst, - oder gar: „ehe die Kinder geboren waren“ u.s.w.; wer kann kräftiger alles eigene Wissen bestreiten, als er thut, wenn er sagt, der natürliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind, es ist ihm eine Thorheit, und kann sie nicht erkennen. Wer da meint, er wisse etwas, der weiß noch nichts, wie er es wissen soll, - und überhaupt Alles, was nicht Christus ist, wenn er sagt: es gilt nichts, als eine neue Kreatur in Christo Jesu.
Welche Freimüthigkeit beweiset er auch in Darstellung der Wahrheit. Was kann herrlicher von der Rechtfertigung gesagt werden, als wenn er sagt nicht nur: er hat uns geschenket alle Sünde, - sondern sogar: es ist nichts verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind, ja wir sind Gerechtigkeit Gottes in ihm? Wie herrlich preiset er die Kraft der Christen, wenn er in ihrer aller Namen sagt: ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Christus; - und wiederum: in dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat; - wie herrlich die beständige Bewahrung der Gläubigen, wenn er nicht nur seine gute Zuversicht bezeugt, daß, der in ihnen angefangen habe das gute Werk, derselbe es auch vollenden werde bis auf den Tag unsers Herrn Jesu Christi, sondern sie sogar als solche betrachtet, welche sammt Christo in das himmlische Wesen versetzt sind; wie getrost ist er in allen Drangsalen, so daß er auch sagt: wir rühme uns der Trübsal.
So vermag der Heilige Geist ein armes, zaghaftes, ungläubiges Menschenherz zu bewirken, daß es sich selbst ein Wunder wird in seiner Freimüthigkeit, wie auch David, sich selbst verwundernd, sagt, 2 Sam. 7,27.: dein Knecht hat sein Herz funden, daß er ein solches Gebet zu dir thät, des Inhalts, mit der unnennbaren Zuversicht. So mögen denn die ängstlichen, engen Herzen daraus Muth gewinnen, daß auch ihr Herz, oft ehe sie’s gedenken, in eine wundersame Weite des Glaubens durch die Kraft des Heiligen Geistes versetzt wird. Wir müssen auch erst in die Enge der Buße und nochmals wohl traurig seyn in mancherlei Anfechtungen. Und wohl dem, der in die Enge getrieben wird, daß er aus aller Macht zu Christo eilen muß, der wird auch zu seiner Zeit in die Weite nach Pi-Hahiroth kommen, wo er rühmen kann:
Endlich, endlich muß es doch
Mit der Noth ein Ende nehmen,
Endlich bricht das harte Joch,
Endlich schwinden Angst und Thränen,
Endlich muß der Kummerstein,
Auch in Gold verwandelt seyn.
Amen.